2026-10-15

Klaus Praschak: Das Erleben der Gottunmittelbarkeit


Was bedeutet es eigentlich, Gott unmittelbar zu erfahren?

Wir können an Gott glauben, über ihn nachdenken, seine Gegenwart erahnen und uns nach einer tieferen Verbindung mit ihm sehnen. Wir können uns mit spirituellen Lehren beschäftigen, beten, meditieren und versuchen, unser Bewusstsein für eine Wirklichkeit zu öffnen, die über das hinausreicht, was wir mit unseren Sinnen erfassen.

Doch all das ist zunächst ein Weg, auf dem wir uns einer Erfahrung nähern können. Es ist noch nicht die Erfahrung selbst.

Was geschieht, wenn das Denken für einen Augenblick stiller wird, wenn die Vorstellungen zurücktreten und wir nicht länger versuchen, Gott zu verstehen oder seine Gegenwart zu ergründen? Was geschieht, wenn aus der Suche ein unmittelbares Erleben wird?

Die Gottunmittelbarkeit lässt sich dadurch erahnen, dass wir in einem solchen Augenblick nicht mehr nur an Gott glauben oder über Gott nachdenken, sondern eine Wirklichkeit erfahren, die uns tiefer berührt als jedes gedankliche Wissen. Sie kann sich als Liebe offenbaren, als tiefer Frieden, als ein Gefühl grenzenloser Verbundenheit oder als eine stille Gewissheit, für die wir zunächst keine Worte finden. Was zuvor getrennt erschien, kann sich plötzlich verbunden anfühlen. Was wir gewöhnlich festhalten und kontrollieren möchten, darf für einen Augenblick einfach sein. Wir erleben eine Nähe, die sich als etwas Echtes und Gegenwärtiges offenbart. Doch können wir eine solche Erfahrung herbeiführen? Können wir uns so weit entwickeln, so still werden oder so vollkommen lieben, dass Gott für uns unmittelbar erfahrbar wird?

Ja, jedoch kommt hier, nach meinen Erfahrungen der Gottunmittelbarkeit, die Gnade Gottes ins Spiel. Aus meiner Sicht liegt die Antwort darin, dass dieser letzte Schritt nicht allein in der Verfügung des Menschen liegt. Wir können uns öffnen, aber wir können die Gnade nicht erzwingen. Die innere Vorbereitung mag uns empfänglicher machen, doch die unmittelbare Begegnung mit Gott bleibt Geschenk. Gnade ist keine Belohnung für einen besonders weit entwickelten Menschen. Sie ist nicht der Lohn für vollkommene Liebe oder für eine außergewöhnliche spirituelle Leistung.

Es mag paradox klingen, doch die eigentliche Öffnung für die Gnade Gottes beginnt erst dort, wo der Mensch erkennt, dass er sich das Göttliche nicht durch Wissen, Erkenntnis oder spirituelle Anstrengung erschließen kann. Solange wir uns über das definiert, was wir wissen, was wir erkannt und auf unserem Weg erreicht haben, bleiben wir in gewisser Weise an unseren eigenen Vorstellungen gebunden. Wir mögen viel über Gott und die geistige Welt wissen, doch ist dieses Wissen noch nicht die unmittelbare Erfahrung Gottes. Erst wenn wir bereit sind, auch dieses Wissen loszulassen, wenn wir erkennen, dass wir im tiefsten Sinne nichts wissen und das Göttliche nicht mit unseren Verstand erfassen können, öffnet sich eine andere Möglichkeit. Es geht dabei nicht darum, Erkenntnis zu verleugnen oder das Denken abzuwerten. Vielmehr erkennen wir die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit und hören auf, aus eigener Kraft erreichen zu wollen, was sich unserer Verfügung entzieht. Aus der Bereitschaft, die eigene Begrenztheit anzunehmen und das Leben in Gottes Hände zu legen, entsteht die tiefste Form von Demut. Wir hören auf, uns selbst zum Urheber unserer geistigen Entwicklung zu machen, und werden empfänglich für das, was uns geschenkt werden kann. Das Eingeständnis „Ich weiß nichts“ ist nicht das Ende der Erkennens, sondern ein Übergang von einer Erkenntnis, die der Verstand festhalten möchte, zu einer Erfahrung, die sich nicht besitzen lässt. Er verliert den Anspruch, durch Erkenntnis über das Göttliche verfügen zu können. Die tiefste Form der Hingabe ist es, nicht mehr darauf zu bestehen, den Weg aus eigener Kraft zu beherrschen, sondern bereit zu sein, sich führen zu lassen – ohne zu wissen, wohin der nächste Schritt führt.

Es ist diese Unverfügbarkeit, die uns etwas über die Natur der Gnade lehrt. Wir können uns dem Leben anvertrauen, ohne bestimmen zu können, was es uns offenbart. Wir können uns dem Göttlichen zuwenden, ohne es zu einem Ziel zu machen, das wir unbedingt erreichen müssen.

Und wenn uns eine solche Erfahrung geschenkt wird, beginnt erst die eigentliche Aufgabe, nämlich das Erlebte in unser Leben aufzunehmen. Denn eine Erfahrung der Einheit bedeutet noch nicht, dass wir fortan immer aus dieser Einheit heraus handeln. Auch nach tiefen Einsichten bleiben wir mit der begrenzten menschlichen Wirklichkeit verwurzelt. Doch die Frucht einer erlebten Gottunmittelbarkeit zeigt sich darin, dass wir dem Leben liebevoller begegnen, weniger trennen und urteilen und zunehmend wahrhaftiger werden. Aus der erfahrenen Verbundenheit mit Gott kann allmählich eine gelebte Verbundenheit erwachsen, die unser Denken, Fühlen und Handeln durchdringt und sich in unserer Begegnung mit allem Lebendigen ausdrückt. Dann wäre Gottunmittelbarkeit nicht nur ein außergewöhnlicher Augenblick, den wir in Erinnerung behalten. Sie könnte zu einer Quelle werden, aus der sich unser Verständnis von uns selbst, von anderen Menschen und vom Leben immer wieder erneuert. Es geht letztlich nicht darum, Gott irgendwann vollkommen zu erkennen, sondern es geht darum, uns immer wieder für jene Wirklichkeit zu öffnen, die wir mit unseren Begriffen nur unvollständig beschreiben können – und das, was wir in ihrer Nähe erfahren, in unserem Menschsein lebendig werden zu lassen.

Klaus Praschak

Quelle: Klaus Praschak

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