2026-10-24

Otfried Weise: ERZIEHUNG


Der Mensch wird geboren, er darf sein Potential entfalten und Erfahrungen durch Begreifen machen und gleichzeitig Freude erleben.

Er wird nicht als unvollkommenes Wesen geboren, das geformt, korrigiert und verbessert werden muss. Er trägt bereits alles in sich, wie ein Samenkorn, das den ganzen Baum in seinem Innersten birgt. Was er braucht, ist nicht die formende Hand, sondern ein Raum der Geborgenheit, einen angstfreien Raum, frei von Beurteilung, ohne den ständigen Anspruch, anders sein zu müssen, als er ist.

Denn nicht das Wesen des Menschen bedarf der Veränderung, sondern jene Schichten dürfen sich lösen, die sich im Laufe seines Lebens darübergelegt haben: die Erwartungen der Gesellschaft, die übernommenen Glaubenssätze, die Ängste seiner Vorfahren, die Masken der Anpassung und das unaufhörliche Streben nach Anerkennung.

Unter all diesen Schichten ruht sein innerster Wesenskern, seine Seele, unberührt, lebendig und mit einem Potential voller Möglichkeiten.

Wahre Erziehung bedeutet nicht, dem Menschen etwas hinzuzufügen, sondern ihm zu helfen, sich von dem zu befreien, was ihn daran hindert, er selbst zu sein.

Ein Kind muss nicht lernen, wertvoll zu werden. Es darf erfahren, dass es wertvoll ist. Es muss nicht durch Angst gehorsam werden, sondern darf durch Begreifen Verantwortung entwickeln, nicht durch Strafe findet es den richtigen Weg, sondern es darf durch Erfahrung die Zusammenhänge des Lebens erkennen. Und es muss nicht seine Lebendigkeit opfern, um den Vorstellungen anderer zu entsprechen. Der Mensch darf wachsen, ohne verbogen zu werden, er darf zweifeln, ohne verurteilt zu werden, er darf fragen, entdecken, scheitern und wieder aufstehen. Denn jede bewusst durchlebte Erfahrung ist eine Einladung, sich selbst und das Leben tiefer zu verstehen.

Wo Angst verschwindet, erwacht Entdeckungsfreude, wo Zwang endet, beginnt Eigenverantwortung, wo Vergleichen verstummt, entfaltet sich Einzigartigkeit und wo der Mensch sich angenommen fühlt, braucht er keine Maske mehr, um geliebt zu werden.

Die Seele verlangt nicht nach Perfektion, sie trägt ihre Vollkommenheit bereits in sich. Sie möchte sich ausdrücken, Erfahrungen sammeln, schöpferisch sein, lieben, begreifen und die Freude am Dasein erleben.

Die höchste Kunst der Erziehung liegt gerade darin, auf das Erziehen im herkömmlichen Sinne zu verzichten.

Es geht nicht darum, ein Kind zu erziehen, damit es sich schneller entwickelt, sondern ihm Licht, Wärme und Vertrauen schenken.

Denn eine Blume öffnet ihre Blüten nicht, weil man es ihr befiehlt, sie erblüht, wenn die Bedingungen stimmen.

Deshalb darf auch der Mensch das sein, was er im tiefsten Inneren längst ist:

Ein freies, bewusstes und liebendes Wesen, das seine Einzigartigkeit entfaltet und dabei die Freude am Leben ausdrückt.

Dies erläutern wir wie folgt:

Ein Kind stößt beim Spielen versehentlich ein Glas Wasser um.

Die herkömmliche Erziehung reagiert vielleicht mit einem Vorwurf: „Kannst du nicht besser aufpassen? Wie oft habe ich dir das schon gesagt!“ 

Das Kind empfindet Scham und Angst. Es lernt vor allem Fehler zu vermeiden oder zu verbergen.

Ein bewusster Begleiter hingegen sagt: „Schau, das Wasser breitet sich aus. Was können wir tun, damit der Tisch wieder trocken wird?“

Gemeinsam holen sie ein Tuch. Das Kind entdeckt die Folgen seines Handelns und erlebt gleichzeitig, dass es selbst etwas bewirken kann.

Die Erkenntnis: Verantwortung entsteht nicht aus Angst vor Strafe, sondern aus dem Verstehen von Zusammenhängen.

*

Ein Kind malt einen blauen Sonnenball, violette Bäume und einen Himmel voller roter Sterne.
Ein Erwachsener könnte sagen: „Aber die Sonne ist doch gelb und die Bäume sind grün!“
Damit wird dem Kind vermittelt, dass die äußere Vorstellung wichtiger ist als seine eigene Wahrnehmung.

Ein achtsamer Begleiter hingegen betrachtet das Bild aufmerksam und fragt: „Erzähl mir von deiner Welt. Wie schön, dass du die Farben so empfindest!“

Das Kind erfährt, dass seine Fantasie willkommen ist. Es darf entdecken, experimentieren und seine eigene Ausdrucksform entwickeln.

Später wird es von selbst erkennen, welche Farben die Natur besitzt, ohne dafür seine schöpferische Freiheit aufgeben zu müssen.

Die Erkenntnis: Ein Mensch, der seine Einzigartigkeit leben darf, muss sich nicht verbiegen, um dazuzugehören.

*

Ein Kind entdeckt einen Baum und möchte hinaufklettern.

Aus Sorge könnte ein Erwachsener sofort rufen: „Lass das! Du fällst herunter! Das ist zu gefährlich!“

Die Angst des Erwachsenen wird zur Grenze der kindlichen Erfahrung.

Ein vertrauensvoller Begleiter bleibt aufmerksam in der Nähe, achtet auf tatsächliche Gefahren und sagt: „Schau, welcher Ast dich gut tragen kann. Spüre, wo deine Füße sicheren Halt finden. Ich bin hier, wenn du mich brauchst.“ Das Kind tastet sich vorsichtig vorwärts. Es entdeckt seine Kraft, lernt seine Grenzen kennen und entwickelt ein Gefühl für den eigenen Körper. Vielleicht rutscht es ein kleines Stück ab, vielleicht entscheidet es selbst, wieder hinunterzuklettern, auch das ist eine wertvolle Erfahrung. 

Und wenn es schließlich stolz auf einem Ast sitzt, erlebt es eine Freude, die ihm niemand durch Belehrung hätte schenken können.

Die Erkenntnis: Selbstvertrauen entsteht durch selbst gemachte Erfahrungen in einem geschützten Raum, nicht durch die Vermeidung jeder Herausforderung.

*

Erziehung sollte nicht die Kunst sein, aus einem Kind einen Menschen nach den Vorstellungen der Gesellschaft zu machen.

Die Hauptrolle spielt die Liebe, die es einem Menschen ermöglicht, seine eigene Wahrheit zu entdecken.

Quelle: Otfried Weise

[mascha&max: Danke, Danke Danke, Du bist der beste lieber Devanando💗💗💗]

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Bei Kommentaren bitten wir auf Formulierungen mit Absolutheitsanspruch zu verzichten sowie auf abwertende und verletzende Äußerungen zu Inhalten, Autoren und zu anderen Kommentatoren.

Daher bitte nur von Liebe erschaffene Kommentare. Danke von Herzen, mit Respekt für jede EIGENE Meinung.