2026-01-18

Otfried Weise: ANGST IST EINE FATA MORGANA


Angst erscheint oft wie eine Landschaft aus flimmernder Hitze, eine Fata Morgana am Horizont des Bewusstseins. Sie wirkt real, bedrohlich, unumgänglich, und doch löst sie sich auf, sobald der Mut erwächst, ihr entgegenzugehen. Angst ist kein Feind, sondern ein Bild, welches das Gemüt in die Zukunft projiziert. Psychologisch ist sie ein vorweggenommener Schmerz, spirituell ein Hüter der Schwelle, der fragt, ob wir bereit sind, größer zu werden als das, was wir über uns glauben.

DER DAUERHAFTE WEG AUS DER ANGST FÜHRT NICHT UM SIE HERUM. ER FÜHRT MITTEN HINDURCH.

Ein Mensch, der jahrelang geschwiegen hat, aus Furcht vor Ablehnung, spürt eines Tages, wie sich die Enge in der Brust nicht länger ertragen lässt. Die Kehle ist trocken, das Herz schlägt zu schnell, die Hände zittern, und doch macht er sich auf und spricht. Nicht laut, nicht kämpferisch, sondern wahrhaftig. In diesem Moment lernt sein Nervensystem etwas Entscheidendes: Sichtbarkeit ist überlebbar. Spirituell geschieht noch mehr. Das Selbst erkennt, dass sein Wert nicht aus Zustimmung entsteht. Die Angst, die ihn bisher bewacht hat, verliert ihre Aufgabe und beginnt zu verblassen.

Ein anderer Mensch fürchtet die Einsamkeit mehr als alles andere. Sobald es still wird, greift er nach Ablenkung, nach Stimmen, nach Bewegung. Eines Abends jedoch bleibt er. Er sitzt im Raum, spürt die Leere im Bauch, das Ziehen im Herzen, den Wunsch zu fliehen. Doch er bleibt. Psychologisch darf die Angst zum ersten Mal ihren Zyklus vollenden, ohne unterbrochen zu werden. Spirituell offenbart sich die Einsamkeit als Tor. Hinter ihr wartet keine Vernichtung, sondern Begegnung mit dem eigenen Wesen. Die Angst war nie die Wahrheit, sondern nur der Wächter vor der Stille.

Wieder ein anderer steht vor einem Traum, den er aus Angst vor dem Scheitern jahrelang nicht berührt hat. Der Gedanke, sichtbar zu versagen, war unerträglicher als das Verharren im Stillstand. Eines Tages beginnt er dennoch, unfertig, tastend, ungeschützt. Sein Körper zittert, doch er bewegt sich. Psychologisch löst sich die Verknüpfung von Selbstwert und Ergebnis. Spirituell antwortet das Leben nicht auf Perfektion, sondern auf Hingabe an den ersten Schritt. Die Angst verliert ihre Macht, weil sie nicht mehr darüber entscheidet, ob gelebt wird oder nicht.

Es gibt jene Angst, die vor Gefühlen warnt. Vor Trauer, vor Wut, vor Sehnsucht. Wer ihr folgt, rennt ein Leben lang. Wer stehen bleibt, sich setzt, atmet und in sich hinein spürt, erlebt etwas Unerwartetes. Gefühle sind Bewegung, keine Bedrohung. Psychologisch werden sie zu Prozessen statt zu Identitäten. Spirituell zeigen sie sich als Wellen im Ozean des Bewusstseins. Wer sie zulässt, geht nicht unter, sondern lernt zu schwimmen.

Und schließlich ist da die tiefste Angst, die vor Kontrollverlust, vor Endlichkeit, vor dem TOD. Sie taucht auf in Krankheit, in Abschied, in Zeiten, in denen nichts mehr sicher erscheint. Wer hier nicht kämpft, sondern innerlich sagt: Ich lasse mich fallen, erlebt eine Fundamentale Umkehr. Psychologisch weicht der Widerstand, der Körper entspannt sich. Spirituell stirbt ein Teil des kleinen egos, doch das Bewusstsein bleibt. Die Angst verliert ihren letzten Halt, weil sie erkennt, dass sie das Wesentliche nie bedroht hat.

Manche Menschen gehen noch einen Schritt weiter und begegnen der Angst bewusst, fast rituell. Sie setzen sich Situationen aus, die Unsicherheit erzeugen, und selbstgewählte Grenzen überschreiten, nicht aus Selbstzerstörung, sondern aus Wachheit. Allein zu reisen ohne Plan, sich fremden Orten und dem Nichtwissen anzuvertrauen, lehrt das Nervensystem Vertrauen. Öffentliche Verwundbarkeit, das Zeigen von Kunst, von Gedanken, von Gefühlen, verwandelt soziale Angst in Lebendigkeit. Körperliche Grenzerfahrungen, achtsam erlebt, machen spürbar, dass Angst Energie ist und keine Prophezeiung.

Psychologisch löst sich Angst nicht durch Denken, sondern durch Erfahrung ohne Katastrophe. Spirituell existiert sie nur dort, wo sich das Selbst kleiner macht als das Leben. Wer durch sie hindurchgeht, entdeckt etwas Ernüchterndes und Befreiendes zugleich: Die Angst war nie ein Monster. SIE WAR NUR EIN LEERES GEWAND.

Der Weg ist nicht Kampf. Er ist auch keine Flucht. Er ist die stille Einkehr, das Bleiben, das Atmen im Innersten der Empfindung.

Und dann geschieht etwas Unumkehrbares. Durch dein Bewusstsein erkennst du, dass die Erfahrung "Angst" nicht mehr gebraucht wird, und zieht sich zurück.

NICHT BESIEGT SONDERN BEGRIFFEN

Bild: HUBERT TADEUS KOLAK

Quelle: Otfried Weise

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