2026-09-10

Frank Schwede: Die antike Mythologie zeigt, dass der Mensch nie aus seinen Fehlern gelernt hat


Sind Roboter wirklich eine Erfindung aus der Neuzeit, oder gab es schon vor mehr als zweitausend Jahren im antiken Griechenland künstliche Intelligenz? Möglicherweise war das erste Produkt dieser Art der bronzene Riese Talos aus der Werkstatt von Schmiedegott Hephaistos. Er war unverwundbar, hatte aber eine Schwachstelle: Sein Knöchel, in dem ein geheimnisvoller bronzener Nagel steckte, der mit einer dünnen Hautschicht bedeckt war, hinter der sich eine Vene verbarg, durch die das Ichor, das Blut der Unsterblichkeit der Götter, floss. In Apollonios Epos „Argonautika“, das im 3. Jahrhundert v. Chr. entstand, wird Talos als programmiertes beschrieben.

Talos war nicht nur der Beschützer Kretas, er überbrachte auch den Bewohnern der Insel die Gesetze von König Minos. Täglich umkreiste der stählerne Riese die Insel und hatte alle Schiffe im Auge, die sich ihr näherten.

Auf der Rückreise von Kolchies führte auch der Weg der Argonauten an Kreta vorbei. Talos entdeckte die Eindringlinge bereits aus der Ferne. Sogleich brach er riesige Felsen von der Klippe und warf sie in Richtung der Argo. Von Furcht gepackt versuchten die Seefahrer dem bronzenen Ungetüm zu entkommen. Schließlich hatte die Hexe Medea den rettenden Plan.

Es kam zu einem heroischen Duell zwischen der gerissenen Hexe und dem Roboter. Medea murmelte unverständliche Sätze und fixierte das Ungetüm mit durchdringenden Blicken. Medeas Macht zeigt die erhoffte Wirkung.

Talos verlor die Orienteirung und stolperte, als er versuchte, einen weiteren Findling in Richtung Argo zu schleudern. Ein scharfkantiger Felsen verletzte seine lebenswichtige Ader. Das stählerne Koloss verlor das Gleichgewicht und stürzte mit Donnergetöse ins Meer. In einer der unzähligen Buchten Kretas rostet der antike Androide vermutlich noch heute vor sich hin.

Hephaistos war ein ausgesprochen begabter und talentierter Meister seines Handwerks. Es wird angenommen, dass er eine große Auswahl an Werkzeugen herstellte, die allesamt von den Göttern verwendet wurden – darunter die geflügelten Sandalen des Götterboten Hermes, den berühmten Donnerkeil von Zeus und sogar Pandora soll ein Werk des Schmiedegotts gewesen sein.

Adrienne Mayor schrieb in ihrem 2018 veröffentlichten Werk „Gods and Robots“, dass alle Androiden im Olymp harmlos waren, doch von dem Moment an, wo sie die Erde betraten, wurden sie zum Ursprung schrecklichen Unglücks. Pandora bildete keine Ausnahme. Laut Mythos war die augenscheinliche Unschuld vom Lande derart von Neugier getrieben, dass sie eines schönen Tages eine Büchse öffnete, die alles Böse der Welt enthielt, dass sich schließlich über die Menschheit ergoss.

Und das alles nur, um die Sterblichen dafür zu bestrafen, dass sie das von den Göttern gestohlene Feuer angenommen haben. Zeus war derart erzürnt darüber, dass er umgehend Hephaistos damit beauftragte, eine Falle in Gestalt einer begehrenswerten jungen Frau namens Pandora zu erschaffen - eine Venusfalle würde man wohl heute sagen.

Der Mythos wurde zum ersten Mal im 7. oder 8. Jahrhundert v. Chr. aufgezeichnet in der „Theogonie“ und „Werke und Tage“, die Hesoid und Böotien zugeschrieben werden.

Die Strafe an die sterbliche Menschheit sollte wohlverpackt in Gestalt eines Geschenks erfolgen. Pandora wurde samt ihrer in der Büchse befindlichen ruchlosen Gaben in Gestalt böser Geister zur Erde geschickt. Schon bald darauf wurde sie zur Quelle aller Missgeschicke und Sorgen, die die Sterblichen von nun an quälen sollten.

In Wahrheit aber symbolisiert die Büchse der Pandora nur das Unbekannte, das Reizvolle – vor allem die Neugier, die in jedem steckt. Somit symbolisiert der Mythos unser eigenes Leben, das uns zuweilen wie ein unbekannter Geist erscheint, eingeschlossen in einer mystischen Büchse, die wir täglich aufs Neue öffnen, um den Geist daraus zu entlassen, den wir Alltag nennen, der uns Tag für Tag in die Weite des uns Unbekannten führt.

Niemand weiß, ob die Geister gut, schlecht oder neutral sind. Natürlich steht über allem die Hoffnung, dass alles gut wird. Deshalb verschmelzen Pandora und die Hoffnung zu einem schönen Übel, einer verführerischen Falle, die verlockend ist, während sie insgeheim eine potentielle Katastrophe verbirgt.

Die Büchse der Pandora ist mehr als nur ein Mythos. Auch nach mehr als zweitausend Jahren hat sie weder an Glanz noch an Aktualität verloren. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Menschheit nichts aus der Geschichte gelernt hat. Sie wiederholt ihre Fehler immer wieder aufs Neue. Die gesamte antike Mythologie ist voll mit tyrannischen Herrschern, die künstliche Intelligenz gegen die sterbliche Bevölkerung einsetzen, um sie zu kontrollieren.

Die antike Mythologie ist somit nichts anderes als ein Spiegelbild unserer Gegenwart, weil die Menschen sich seit mehr als zweitausend Jahren im Kreis bewegen und immer wieder in dieselben Fallen tappen und am Ende um einen Erlöser betteln, der in ihnen selbst steckt.

Nur wer seine Fehler kennt und sie nicht wiederholt, wird erlöst. Aus Fehlern lernen, heißt, sich weiterentwickeln und aufsteigen im eigenen Bewusstsein. Das ist die Erlösung, auf die die Menschheit seit mehr als zweitausend Jahren wartet.

Gottvater Zeus war ein schrecklicher Tyrann, der sich insgeheim darüber gefreut hat, wenn die Menschen in seine Fallen tappten – somit ist er die Personifizierung moderner Politiker. Die Mythologie zeigt, dass die Menschen schon in der Antike blind waren auf dem Auge der Freiheit.- sonst hätten sie irgendwann erkennen müssen, dass sie nur eine Wahl im Leben haben, nämlich zwischen einem selbstbestimmten Leben in Freiheit oder Kontrolle durch Regierungen.

Zeus hat die Büchse der Pandora so programmiert, dass sie zuschlug, bevor der letzte Geist in Gestalt der Hoffnung die Welt erfüllen konnte – deshalb stirbt Hoffnung noch heute zuletzt.

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[max: Danke, lieber Frank💖]

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