2026-01-09

Klaus Praschak: Vom mystischen Erleben zur gelebten Präsenz


Ich weiß, dass einige von euch mystische Erfahrungen gemacht haben. Erfahrungen mit jener licht- und liebevollen Wirklichkeit, die sich so sehr nach Heimat anfühlt, dass daraus eine tiefe Sehnsucht entsteht und ich weiß auch, wie schmerzhaft die Rückkehr in den Alltag sein kann, wenn die äußere Welt im Vergleich kalt, laut oder unpersönlich wirkt.

Zwischen diesen beiden Erfahrungsräumen scheint eine große Kluft zu liegen, hier die Weite, das Getragensein, die Verbundenheit und dort das Funktionieren, die Trennung, die Anforderungen des täglichen Lebens. Viele fragen sich, wie beides zusammengehören soll, ohne dass eines davon verloren geht. In mystischen Erfahrungen spüren wir, wie sich Leben anfühlt, wenn nichts abgespalten ist. Im Alltag erleben wir, wie Leben aussieht, wenn wir funktionieren müssen. Das Lichtvolle, Liebevolle und Heimatliche mystischer Zustände zeigt nicht eine „andere Welt“, sondern eine tiefere Schicht derselben Wirklichkeit. Sie fühlt sich so vertraut an, weil dort die ständige Selbstverteidigung des Ichs wegfällt. Keine Rolle, kein Vergleich und kein Mangel. Diese Erfahrung wirkt warm, weil sie aus Verbundenheit entsteht. Der Alltag dagegen ist oft kalt und unpersönlich, weil er auf Trennung organisiert ist. Leistung hier, Bewertung dort, ich hier, die anderen dort. Diese Kälte ist kein Beweis gegen die mystische Erfahrung, sondern sie ist ihr Kontrast. Sie zeigt, was fehlt, aber nicht was falsch ist. Die Kluft entsteht also nicht zwischen zwei Welten, sondern zwischen zwei Bewusstseinsweisen, während die eine verbindet, ordnet und schützt die andere.

Das Problem beginnt, wenn man glaubt, sich für eine entscheiden zu müssen. Man kann es so erklären, mystische Erfahrungen erinnern uns daran, woher wir kommen, doch der Alltag zeigt uns, wo wir wirken müssen. Wenn die mystische Erfahrung nicht integriert wird, bleibt sie ein Rückzugsort. Wenn der Alltag nicht von ihr berührt wird, bleibt er leer. Erst wenn beides zusammenkommt, entsteht etwas Ganzes: Ein Mensch, der die Weite kennt und trotzdem bleibt. Ein sehr einfaches Bild, denn die mystische Erfahrung ist wie das Einatmen, von Weite, Licht und Heimat. .Der Alltag ist wie das Ausatmen, von Form, Handlung und Begegnung. Leben entsteht nur, wenn beides geschieht. Oder noch einfacher : Das Lichtvolle zeigt uns, wie es sein kann.

Das Alltägliche fragt uns, wie wir damit umgehen. Deshalb müssen diese beiden Bewusstseinswelten nicht vermischt, sondern ineinander übersetzt werden. Nicht jeder Moment kann lichtvoll sein. Aber jeder Moment kann von dem Wissen berührt sein, dass Trennung nicht das letzte Wort hat. So wird die mystische Erfahrung nicht zur Flucht aus der Welt, sondern zur inneren Heimat, aus der heraus man der Welt begegnet, auch dort, wo sie kalt erscheint und genau darin liegt ihre eigentliche Aufgabe.

In unserer Zeit ist das kollektive Alltagsbewusstsein stark verdichtet: linear, funktional, ich-zentriert. Deshalb braucht es oft extreme oder gezielte Zustände, durch tiefe Meditation, Grenzerfahrungen oder Krisen,, um diese andere Bewusstseinsebene zu öffnen. Was früheren Zeiten gelebt wurde, muss heute durchbrochen werden. Ich möchte in diesem Zusammenhang deutlich machen, wie wesentlich die Integration dieser Bewusstseinsebenen ist: die Weite des mystischen Erlebens mit der Nüchternheit und Verantwortung des Alltags zu verbinden. Nicht als Vermischung, sondern als Übersetzung, sodass das, was als Heimat erfahren wurde, im gelebten Leben wirksam werden kann. Das ist die Notwendigkeit unserer Zeit, denn ohne diese Integration droht entweder technokratische Entfremdung oder spirituelle Weltflucht. Mit ihr entsteht die Möglichkeit einer reifen, mitfühlenden Präsenz in einer komplexen Welt. In diesem Sinn ist das Zusammenführen der beiden Bewusstseinsformen kein Rückgriff und kein Fortschrittsmythos, sondern ein Erinnern mit Bewusstsein.

Klaus Praschak

Bild: printerest.de danke

Quelle: Klaus Praschak

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