2026-01-12

Otfried Weise: LIEBE IST EIN KIND DER FREIHEIT


Bedürftigkeit verengt das Feld,
in dem Liebe sich entfalten möchte.
Wer bedürftig ist, hält fest,
und verlernt das Lauschen.
Liebe jedoch ist kein Zugreifen.
Sie ist ein stilles Gewahrsein,
so fein, dass nichts herbeigezogen,
nichts erzwungen werden muss.
Wenn Menschen etwas begehren,
wünschen sie meist Sicherheit.
Und verwechseln Nähe mit Besitz.
Dann sagen sie: Bleib bei mir,
und meinen doch: Lass mich nicht fallen.

Hier beginnt das Paradox.
Dort, wo Liebe den Mut fasst,
auf jede Absicherung zu verzichten.
Denn erst, wenn sie nichts fordert,
wird sie weit genug,
um wahrhaft zu verweilen.
Besitz entspringt der Furcht vor Verlust.
Verbundenheit wächst aus dem Vertrauen
in die innere Fülle.
Besitz erklärt: Du gehörst mir.
Verbundenheit jedoch flüstert:
Ich wähle dich —
nicht aus Mangel,
sondern aus Freiheit.
Und diese Wahl,
die sich Tag für Tag erneuert,
trägt mehr Gewicht
als jedes unverrückbare Versprechen.

Liebe, die nicht bedarf,
öffnet ihre Hände.
Nicht um wegzugeben,
sondern um Raum zu schenken.
In diesem offenen Raum
darf der andere ruhen,
ohne gebunden zu sein.
Und genau dort,
wo niemand festgehalten wird,
entsteht die tiefste Nähe.
Denn wer freiwillig gegenwärtig ist,
bleibt fester als jener, der gehalten wird.
Wer gehen könnte und dennoch bleibt,
webt ein Band, nicht aus Angst,
sondern aus Gegenwart.

So bindet Liebe sich nicht
durch Ketten,
sondern durch RESONANZ.
Nicht durch Schwüre,
sondern durch Stimmigkeit.
Nicht durch Besitz,
sondern durch das stille Wissen:
Ich bin selbst ganz —
und wähle dich dennoch.
Und in diesem freien Wählen,
jenseits jeder Not,
erschöpft sich Liebe nicht,
sondern offenbart
ihre unerschöpfliche Tiefe.

Quelle: Otfried Weise

1 Kommentar:

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